Hartmut Rosa über RESONANZ

Resonanz ereignet sich, wo Menschen von etwas erreicht, berührt, bewegt werden – und darauf Antwort erhalten. Nichts einfacher als das? Versuch über die Resonanz.

Unablässig versucht der moderne Mensch, die Welt in Reichweite zu bringen: sie ökonomisch verfügbar und technisch beherrschbar, wissenschaftlich erkennbar und politisch steuerbar und zugleich subjektiv erfahrbar zu machen. Dabei droht sie uns jedoch stumm und fremd zu werden: Lebendigkeit entsteht aus der Akzeptanz des Unverfügbaren.

Das zentrale Bestreben der Moderne in allen Lebensbereichen und Gesellschaftssphären gilt dem Dingfest- und Verfügbarmachen der Welt. Die Weltdinge und Prozesse sollen ökonomisch und technisch verfügbar, wissenschaftlich erkennbar und beherrschbar, rechtlich berechenbar und politisch steuerbar und für die Subjekte zugleich alltagspraktisch kontrollierbar und erfahrbar gemacht werden. Das Handeln der Moderne ist in diesem Sinne auf eine systematische Vergrößerung der Reichweite dessen angelegt, was (in der Bildung, in der Medizin, in den Medien, in der Politik, im Sport et cetera) erkennbar, kontrollierbar, erreichbar und verfügbar ist. Dies hat jedoch zur Kehrseite, dass uns die Welt zu verstummen droht, dass es zu einerfortschreitenden Entfremdung zwischen Mensch und Welt kommt. DennResonanz als Inbegriff einer gelingenden Weltbeziehung setzt die Existenz von Unverfügbarem imSinne eines Fremden und Unerreichbaren voraus; erst auf ihrer Basis kann ein andereshörbar werden und antworten, ohne dass dieAntwort bloßes Echo oder Repetition des Eigenen ist. Resonanzfähigkeit gründet auf der vorgängigen Erfahrung und Akzeptanz von Irritierendem und nicht Angeeignetem, vor allem aber von nicht Verfügbarem, sich demZugriff und der Erwartung Entziehendem. In der Begegnung mit diesem Fremden setzt dann ein dialogischer Prozess der (stets partiell bleibenden) Anverwandlung ein, der dieResonanzerfahrung konstituiert.

Wie aber ist diese Erfahrung genau zubestimmen, was heißt Resonanz? Resonanz ist ein sozialtheoretisches Konzept, das einenspezifischen Modus der Weltbeziehung, das heißt: eine bestimmte Art und Weise des In-Beziehung-Tretens zwischen Subjekt und Welt, zu beschreiben versucht. Es definiert eine bestimmte Form des In-der-Welt-Seins (Heidegger) beziehungsweise des Zur-Welt-Seins (Merleau-Ponty) und lässt sich in einerersten Annäherung als Gegenbegriff zu Entfremdung einerseits und als Erweiterungsbegriff zu Anerkennung andererseits verstehen. Demnach sind Menschen dann von (oder in) einem bestimmten Weltausschnitt nicht entfremdet, wenn sie mit ihm in Resonanz sind. Anders als Anerkennungsbeziehungen sind Resonanzbeziehungen aber nicht nur zu anderen Subjekten, sondern auch zu dinglichen Objekten einerseits und zu umgreifenden Totalitäten wie die Naturoder die Geschichte als letzten erfahrbaren Wirklichkeiten möglich.

Mit Welt ist dabei also erstens die soziale Welt der Intersubjektivität, zweitens die objektive Welt der Dinge, einschließlich der Natur, drittens die subjektive Welt des eigenen Körpers und seiner emotionalen Zustände sowie viertens die Welt als umfassende Totalität gemeint. Der Modus der Resonanz kontrastiert dann einerseits mit einer Weltbeziehung der Indifferenz,bei der die (subjektive, objektive, transzendente respektive soziale) Welt demSubjekt gleichgültig gegenübersteht, andererseits miteiner repulsiven Weltbeziehung, bei der sich Welt und Subjekt sogar feindlich gegenüberstehen. Die beiden letztgenannten Formen der Weltbeziehung, insbesondere aber das indifferente Weltverhältnis, werden als Entfremdung wahrgenommen, das heißt: alseine Form der Welterfahrung, bei der Menschen den eigenen Körper, die eigenen Gefühle, die dingliche und natürliche Umwelt oder aber die anderen Menschen als äußerlich, unverbunden und stumm erfahren.

Im Gegensatz zu traditionellen Entfremdungstheorien, welche die menschliche Natur, die wahren Bedürfnisse, Authentizität oder Autonomie zum Maßstab nicht entfremdeter Verhältnisse machen, setzt die Resonanztheorie daher Resonanz als Gegenkonzept zur Entfremdung: Ein Selbst-, Ding- oder Sozialverhältnis kann dann als nicht entfremdet gelten, wenn es die Ausbildung von Resonanzachsen ermöglicht. Diese Neubestimmung erlaubt es, sowohl die jeweilige Welt als auch die Subjekte und die jeweiligen Beziehungen zwischen ihnen als kulturell und historisch veränderbar zu denken.

Wenn Entfremdung als eine Beziehung der (inneren) Beziehungslosigkeit verstanden werden kann, dann bezeichnet Resonanz eine Form gelingender Beziehung, die durch vier Kernmerkmale definiert ist.

Erstens. Das Moment der Berührung. Resonanz ereignet sich dort, wo Menschen von etwas erreicht, berührt oder bewegt werden. Dies meint die Fähigkeit und Erfahrung einesBerührtwerdens durch ein anderes, ohnedurch dieses andere dominiert oder fremdbestimmt zu werden. Diese Erfahrung kann etwa in der Musik, beim Lesen, in sozialen Beziehungen oder auch beim Arbeiten gemacht werden. Resonanzerfahrungen habendabei stets eine leibliche Basis, insofern sie mit einer physischen Reaktion verbunden sind, in starken Fällen etwa mit einer Gänsehaut oder mit einem Schauer über den Rücken, mit stockendem Atem, leuchtenden Augen oder mit einem Erröten oder Erbleichen. Resonanz ist in diesem Sinne immer auch ein leibliches Geschehen.

Zweitens. Das Moment der Selbstwirksamkeit. Für eine Resonanzbeziehung genügt es jedoch nicht, von etwas berührt zu sein. Resonanz impliziert als zweites Element, dass darauf eine Antwort erfolgt. Der oder die Berührte antworten mit einer Emotion, was so viel bedeutet wie nach außen bewegen, antworten, entgegengehen. Dies kann sowohl ein gedankliches als auch ein leibliches Entgegengehen sein. Resonanz impliziert also als zweites Moment, dass das berührte Subjekt sich als selbstwirksam erfährt nicht im Sinne einer Kontrolle oder Dominanz über das Berührende, sondern im Sinne eines wechselseitigen Erreichens und Verbundenseins; im Sinne eines Antwortverhältnisses. Das Ergebnis dieses Wechselprozesses aus Erreichen und Erreichtwerden ist Selbstwirksamkeit im Sinne der Fähigkeit und Erfahrung, ein anderes zu berühren oder zu erreichen, ohne über dieses zu verfügen oder es zu beherrschen.

Drittens. Das Moment der Transformation. Eine dritte zentrale Eigenschaft von Resonanzbeziehungen ist ihre verwandelnde Wirkung auf die Beteiligten. Wer in Resonanz mit einem anderen gerät, bleibt dabei nicht der- oder dieselbe. Die Verwandlung muss dabei nicht immer existenziell und fundamental sein, obwohl sie es sein kann, was dazu führt, dass Menschen oft sagen: „Nachdem ich diesem Buch, diesem Menschen, dieser Musik begegnet war, hat sich mein Leben verändert.“ Auch die kleinen, alltäglichen Resonanzerfahrungen verändern uns in ihrem Wechselspiel von Berührung und Selbstwirksamkeit. Just in diesem transformativen Moment liegt die Erfahrung von Lebendigkeit; es ist ein notwendiges Merkmal einer jeden Resonanzerfahrung. Deshalb lässt sich Resonanz auch als ein Prozess der Anverwandlung von Welt verstehen, der strikt zu unterscheiden ist von Akten der Aneignung. Aneignung meint die einseitige Einverleibung, die auf Beherrschung, Kontrolle und Verfügbarkeit der Objektseite zielt. Auf diese Weise lassen sich etwa materielle Reichtümer oder auch technische Kompetenzen berührungslos aneignen. Aneignung verwandelt die Aneignenden nicht, Anverwandlung dagegen verändert das erfahrende Subjekt wie die begegnende Welt im Sinne einer Selbst-Transformation in ein sich eröffnendes Gemeinsames hin.

Viertens. Das Moment der Unverfügbarkeit. Resonanzbeziehungen sind durch zwei konstitutive Unverfügbarkeiten gekennzeichnet. Zum einen lässt sich Resonanz nicht erzwingen (und ebenso wenig absolut ausschließen), weshalb sie in ihrem Auftreten, ihrer Intensität und ihrer Dauer nicht vorhersagbar und kontrollierbar ist. Gerade da, wo die Erwartungen an das Auftreten von Resonanz hoch sind, steigt die Enttäuschungswahrscheinlichkeit. Resonanz lässt sich nichtinstrumentell herstellen, und so, wie der angestrengte Versuch einzuschlafen den Schlafeher verhindert als begünstigt, scheinen Anstrengung und Erwartung die Etablierung einer Resonanzbeziehung tendenziell zu erschweren. Zum anderen aber lässt sich niemals vorhersagen, was das Ergebnis eines Resonanzprozesses und der damit verbundenen Verwandlung sein wird. Eine Resonanzbeziehung ist grundsätzlich ergebnisoffen. Resonanzfähigkeit erfordert daher die Bereitschaft, sich auf Prozesse einlassen, bei denen wir weder wissen, wie lange sie dauern, noch was dabei herauskommt. Sich auf Resonanz einzulassen bedeutet, auf Verfügbarkeit zu verzichten.

Wenngleich sich Resonanzbeziehungen gemäß diesem vierten Kernmoment nicht einfach willentlich und instrumentell herstellen lassen, lassen sich doch institutionelle, kontextuelle und dispositionale Bedingungen angeben, unter denen Resonanz wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher wird. Das bedeutet, dass Resonanz in der Regel eines entgegenkommenden Resonanzraumes bedarf, der aus physischen, psychischen, räumlich-materiellen, zeitlichen und sozialen Faktoren besteht. Die Bereitschaft und Fähigkeit, sich berühren zu lassen, erfordert ein Mindestmaß an Vertrauen, Offenheit, Angstfreiheit und entsprechender Selbstwirksamkeitserwartung. Subjekte müssen offen genug sein, um sich berühren zu lassen, aber auch hinreichend gefestigt oder geschlossen, um mit eigener Stimme zu antworten. Zeitknappheit, Konkurrenzdruck, Angst, Stress oder traumatische Vorerfahrungen dagegen sind mit dispositionalen Haltungen der Schließung verbunden, die Resonanz erschweren oder unmöglich machen.

Zu berücksichtigen ist allerdings, dassResonanz nicht Harmonie oder Wohlklang meint und dass Dissonanz deshalb keineswegs im Gegensatz zur ihr steht. Tatsächlich schließt das Konzept der Resonanz reine Konsonanz schon begrifflich aus: Re-sonanz (als Zurück-Tönen) bezeichnet das In-Beziehung-Treten zweier Entitäten, die mit je eigener Frequenz schwingen oder die, bildlich gesprochen, mit je eigener Stimme sprechen. Der völlige Einklang aber macht es unmöglich, eine andere Stimme zu hören – was zur Folge hat, dass auch die eigene Stimme nichtmehr als solche identifiziert werden kann. Es findet dabei weder eine Berührung noch eine selbstwirksame Antwort und erst recht keine Transformation statt. Diese ereignen sich allerdings auch in einer Beziehung der radikalen Dissonanz nicht: Wo sich das begegnende andere ausschließlich widersetzt und auf keine Weise erreichen lässt, fehlt jede Resonanz.

Resonanz bezeichnet damit ein Geschehen, welches sich zwischen den Polen radikaler Dissonanz und reiner Konsonanz ereignet; es setzt Differenz notwendig und unaufhebbar voraus, schließt aber die Möglichkeit anverwandelnder Begegnung ein, die eben nicht einseitige Aneignung, Einverleibung oder Assimilation meint, sondern nur um den Preis der Veränderung des Eigenen zu haben ist. – Um zu verstehen, wann undwo sich Resonanzen ausbilden und wo sie ausbleiben, ist es hilfreich, zwischen Resonanzerfahrungen, Resonanzachsen und Resonanzsphären zu unterscheiden. Kulturelle Lebensformen zeichnen sichdadurch aus, dass sie zubestimmten Weltausschnitten Resonanzbeziehungen entwickeln, während sie zu anderen ein instrumentelles, ein gleichgültiges oder sogar ein feindliches Verhältnis haben. Als solche Weltausschnitte können andere Menschen, Artefakte und Naturdinge, aber auch wahrgenommene Ganzheiten wie die Natur, der Kosmos, die Geschichte, Gott oderauch das Leben und nicht zuletzt der eigene Körper oder die eigenen Gefühlsäußerungenin Erscheinung treten. Je nach Art des Weltausschnittes variiert dabei auch die Art der möglichen Resonanzbeziehung.

Zumindest für moderne Gesellschaften westlichen Typs lassen sich auf diese Weise drei Dimensionen der Resonanzbeziehung unterscheiden, nämlich eine horizontaleoder soziale Dimension, welche die Beziehungen zu anderen Menschen, etwa Freundschaften oder Intimbeziehungen, aber auch politische Beziehungen umfasst; eine diagonale oder materiale Dimension der Beziehungen zur Dingwelt; und schließlich die Dimension der Beziehung zur Welt, zum Dasein oder zum Leben als Ganzem, also zur Welt als einer umfassenden oder umgreifenden Totalität, die als vertikale Dimension bezeichnet werden kann, weil das empfundene Gegenüber als über das Individuum hinausgehend erfahren wird. In vertikalen Resonanzerfahrungen erhält gewissermaßendie Welt selbst eine Stimme.

Jede Gesellschaft ist dann als eine soziokulturelle Formation dadurch bestimmt, dass sie die Weltbeziehungen der Subjekte in allen diesen Dimensionen formt und vorstrukturiert und dabei spezifische kulturelle Resonanzsphären schafft, in denen die Gesellschaftsmitglieder ihre mehr oder minder individuellen Resonanzachsen entdecken und ausbauen können. Resonanzsphären stellen in diesem Sinne kollektive Erfahrungsbezirke dar, in denen insbesonderedurch rituelle Praktiken bestimmte Weltausschnitte – Orte, Zeiten, Dinge (zum Beispiel Altäre oder Reliquien oderFußballtrikots), Personen (zum Beispiel Hohepriester oder Stars) und Handlungen – als resonanz- beziehungsweise antwortfähig etabliert, aufgeladen und erfahren werden.

In der modernen westlichen Kultur kann so etwader Besuch von Opernoder von Rockfestivals für viele Menschen eine solche Achse konstituieren, andere Menschen suchen und finden Resonanz beim Bergwandern oder im Gemüsegarten, wieder andere im Gottesdienst oder auf dem Kirtag, denn Kunst, Natur und Religion bilden charakteristische (vertikale) Resonanzsphären der Moderne. In diesen Sphären bilden sich individuell verschiedene Resonanzachsen als relativ zeitstabile Beziehungen zwischen einem Subjekt und einem bestimmten Weltausschnitt. So mögen zwei Menschen über starke musikalische Resonanzachsen verfügen, doch während der eine sie insbesondere zur Zwölftonmusik Schönbergs etabliert, findet sie der andere im Bereich von Heavy Metal – für die Resonanzachsen des jeweils anderen bleiben sie dabei beide taub. Dennoch ist die Ausbildung dieser Achsen deshalb möglich und wahrscheinlich, weil Kunst und Musik per se zu spezifischen Resonanzsphären der Moderne geworden sind. In Erzählungen, Institutionen und Ritualen werden spezifische Resonanzsensibilitäten im Feld ästhetischer Praktiken und Erfahrungen erzeugt.

Es sind mithin je spezifische Rituale und Praktiken, in denen Resonanzsensibilität erzeugt und bei den beteiligten Individuen eine Haltung der Resonanzbereitschaft hervorgerufen wird, und es sind solche Rituale, die Resonanzachsen zu stiften und zu etablieren vermögen. Wenngleich in rituellen Praktiken in der Regel eine Resonanzdimension im Vordergrund steht (in religiösen Ritualen etwa die vertikale, in politischen dagegen die horizontale Dimension), werden durchsie doch fast ausnahmslos Resonanzbeziehungen in allen drei Richtungen etabliert. Beispielhaft mag hier etwa das christliche Abendmahl dienen, das eben nicht nur einen Bund in vertikaler Richtung erneuert, sondern auch Kommunion zwischen den Gläubigen stiftet und Dinge wie Brot, Wein, Kreuz, Kelch oder den Altar mit Resonanzkraft auflädt. Durchaus ähnliche Aufladungen lassen sich aber etwa auch bei großen Fußballspielen oder bei Rockkonzerten beobachten.

Die in rituellen Praktiken aufgeladenen oder resonant werdenden Weltausschnitte umfassen dabei, je nach kulturellem Kontext, natürlich auch transzendente Entitäten wie Ahnen, Geister, Götter oder die Geschichte selbst. Auf dem Amselfeld beispielsweise wird für viele Serben Geschichte lebendig und bedeutsam, kurzum, sie wird resonant, indem eine für die Gegenwart bedeutsame Verbindung zur Vergangenheit erfahrbar wird.

Solche Verbindungen können in ihrer Qualität durchaus weit variieren: So führt möglicherweise für unsereinen der Besuch der Rampe von Auschwitz-Birkenau zu einer mächtigen und unwiderstehlichen Erfahrungder Selbsttranszendenz, in der Geschichte Präsenz gewinnt und in der Idee eines „Nie wieder!“ transformativen Verpflichtungscharakter erlangt. In jedem Falle involvieren Resonanzerfahrungen solcher Art starke Wertungen im Sinne Charles Taylors, das heißt, sie basieren auf der Überzeugung oderbesser: auf der Erfahrung, dass uns etwas begegnet, das per se, unabhängig von unseren je gegebenen Neigung und Wünschen, wichtig ist, Bedeutung hat und uns zu verpflichten vermag.

Charakteristisch für solche Erfahrungen ist es, dass sie gleichsam pulsierende Verbindungen (Resonanzachsen) zwischen Innen und Außen, aber auch zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu stiften vermögen: So wie ein Betender sich zugleich nach außen (an einen Gott) und nach innen wendet und wie ein Hörender kaum zu sagen vermag, ob die Musik in ihm oder außer ihm ist, weil sie sich gleichsam dazwischen aufspannt, gehen moderne Menschen ins Gebirge oder in die Wüste, um sich dort draußen selbst zu finden; und auf ähnliche Weise stiften resonante Erfahrungen von Geschichtlichkeit eine Verbindung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, indem sie diese gleichsam ko-präsent werden lassen.

Menschliches Leben gelingt dann, so die Schlussfolgerung der Resonanztheorie, wenndie gesellschaftlichen Verhältnisse uns die Ausbildung von tragenden Resonanzachsen in allen drei Dimensionen ermöglichen. Es gelingt, wenn wir uns auf resonante Weise mit anderen Menschen – in Freundschaft und Liebe, aber auch in der Politik –, mit bestimmten Dingen und Stoffen (etwa denjenigen, mit und an denen wir arbeiten) und mit dem Leben oder mit der letzten, umgreifenden Wirklichkeit als solcher (etwa in der Religion, in der Natur oder in der Kunst) verbunden wissen.

Das schließt ein, dass wir auch zu uns selbst, zu unserem Leib, zu unserem Seelenleben und zu unserer Biografie in einem Antwortverhältnis stehen. Der Versuch, alle Körperprozesse mithilfe von Apps und Selftrackern verfügbar zu machen, lässt dann ein weiteres Mal deutlich werden, wie sehr das moderne Streben nach Weltreichweitenvergrößerung und Verfügbarmachung mit unserem existenziellen Bedürfnis nach resonanten Weltbeziehungen in Widerspruch geraten ist. ■

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 17.03.2018)